Ergreifende Dokumentation der Katastrophe von Dürrenäsch

Per Zufall ist mir die Dokumentation des Flugzeugsabsturzes von Dürrenäsch im Jahre 1963 in die Finger gekommen. Weg legen unmöglich, zu eindrücklich und ergreifend sind die sachlichen Schilderungen der Autorin Lotty Wohlwend, als dass Wortgewalt der Dramatik noch zusätzliche Wirkung verleihen hätte können.

Begonnen hat die Zeitreise für mich, als ich in der Weltrundschau von 1963 auf das Unglück aufmerksam wurde. Krass, habe ich mir dabei gedacht. So eine Tragödie in der Schweiz, und ich habe noch nie davon gehört. Der Absturz der Swissair-Maschine bei Halifax war für mich das erste negative Ereignis der Schweizer Luftfahrt, Dürrenäsch vom Namen her eine Schweizer Gemeinde, mehr aber auch nicht. Und dann der Absturz Air-France-Maschine. Alle tot, Wahnsinn. Irgendwie vergeht da die Lust am Fliegen schnell, auch wenn ich nie besonders gern geflogen bin. Auf jeden Fall entdeckt ich kurz nach dem Absturz das Werk der ehemaligen Journalisten-Kollegin Lotty Wohlwend: «SOS in Dürrenäsch: Eine Katastrophe erschüttert das Land». Und musste es sofort kaufen. Und lesen.

Schauriges nüchtern berichtet

Zuerst musste ich mich an den nüchternen Schreibstil gewöhnen. Fast schon ein wenig langweilig, richtig emotionslos wurden das schreckliche Ereignis chronologisch aufgerollt. Der Chronik-Stil kam mir etwas seltsam vor, angesichts der riesigen Tragödie. Doch schon bald wurde klar, dass der ruhige, berichterstatterische Ton von Lotty äusserst wohltuende Wirkung zeigt. Als Leser gewinnt man einen deutlich besseren Einblick in die Gemütslage der Beteiligten, auch wenn man nur am Rande abschätzen kann, welche Spuren der Absturz der Caravelle in Dürrenäsch bei den Einwohnern des Dorfes, und vor allem bei den Hinterbliebenen von Humlikon hinterlassen haben mochte. Man stelle sich einmal vor, wenn ein halbes Dorf durch einen einzigen Unfall ausgelöscht wird. Dutzende von Kindern verlieren auf einen Schlag beide Elternteile. Eine vornehmlich von der Landwirtschaft lebende Dorfgemeinschaft wird auf ein Mal völlig zerschlagen, alle Behörden sind verwaist, die arbeitende Bevölkerung ist nicht mehr vorhanden, just in dem Moment, als die Ernte eingefahren werden sollte. Fürchterlich, der Gedanke an dieses kollektive Schicksal.

Wie mochte es wohl Lotty ergangen sein, als sie die berührenden Geschichten der Hinterbliebenen und Augenzeugen notieren durfte? Kann man da ruhig schlafen? Oder jemals wieder beruhigt in ein Flugzeug steigen? Chapeau, Lotty, für dieses eindrückliche Zeitdokument.

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